Mittwoch, 8. Oktober 2025

Wie das Abendrot


 

Ich möchte hingehn wie das Abendrot

und wie der Tag in seinen letzten Gluten ---

o leichter, sanfter, ungefühlter Tod ! ---

mich in den Schoß des Ewigen verbluten.


Ich möchte hingehn wie der heitre Stern,

im vollsten Glanz, in ungeschwächtem Blinken;

so stille und so schmerzlos möchte gern

ich in des Himmels blaue Tiefen sinken.


Ich möchte hingehn wie der Blume Duft,

der freudig sich dem schönen Kelch entringet

und auf dem Fittich blütenschwangrer Luft

als Weihrauch auf des Herren Altar schwinget.


Ich möchte hingehn wie der Tau im Tal,

wenn durstig ihm des Morgens Feuer winken;

o wollte Gott, wie ihn der Sonnenstrahl,

auch meine lebensmüde Seele trinken.


Ich möchte hingehn wie der bange Ton,

der aus den Saiten einer Harfe dringet,

und, kaum dem irdischen Metall entflohn,

ein Wohllaut in des Schöpfers Brust erklinget.


Du wirst nicht hingehn wie das Abendrot,

du wirst nicht stille wie der Stern versinken,

du stirbst nicht einer Blume leichten Tod,

kein Morgenstrahl wird deine Seele trinken.


Wohl wirst du hingehn, hingehn ohne Spur,

doch wird das Elend deine Kraft erst schwächen,

sanft stirbt es einzig sich in der Natur,

das arme Menschenherz muss stückweis brechen.



(c) Georg Herwegh (1817-1875)

Dienstag, 7. Oktober 2025

Nur zu schade ...

 



Auf dem Grabe steht ein Maulwurfsvertreiber,

und er surrt den ganzen Tag, und er surrt die ganze Nacht,

doch der Maulwurf indes besucht die Leiber,

die der Tod ihm in die Unterwelt gebracht.


Und er nennt sie allesamten seine Freunde,

ist mit einigen per Sie, und mit anderen per Du.

Und in dieser unterirdischen Gemeinde

pfeift ein jeder auf die süße Friedhofsruh.


Und man trifft sich gern zum Tanze der Skelette,

und der Maulwurf macht Musik, dass die ganze Erde bebt.

Alle kommen sie dann aus dem Eichholz-Bette,

manche haben es schon hundertmal erlebt.


Ihre knöcherigen Hände eng umschlungen,

eins, zwei, drei im Walzertakt, und ein Tango obendrauf.

Und wie haben sie aus leichter Brust gesungen,

ihre Fröhlichkeit, die hörte nimmer auf.


"Tod, ach Tod, du hast uns lebenslang verschwiegen,

dass dein Reich so lustig ist, und die Freude ewig währt.

Auferstanden! Wer 's nicht mag, der bleibe liegen!

Nur zu schade, dass man 's oben nie erfährt."



(c) Bettina Lichtner


Montag, 6. Oktober 2025

Wenn du die letzten Gedanken denkst ...


 

Wenn du die letzten Gedanken denkst,

sollst du darein mich schließen,

wenn du die Seele von hinnen lenkst,

will ich dich sterbend grüßen.


Und schliefst du ein Jahrtausend lang

wohl unter Staub und Steine,

mein süßes Lieb', sei mir nicht bang,

du schlummerst nicht alleine.


Und flögst du durch die Himmel weit

mit leichtbeschwingten Füßen,

ich komme, um in seliger Zeit

dich immer wieder zu grüßen.


Ich vergesse dich nicht,

ich lasse dich nicht,

mein bist du in Engen und Weiten!

Dein Auge grüßt mich noch im Licht

der fernsten Ewigkeiten.



(c) Max Haushofer jr. (1840-1907)

Der alte Landmann an seinen Sohn


 

Üb' immer Treu und Redlichkeit

bis an dein kühles Grab,

und weiche keinen Finger breit

von Gottes Wegen ab!

Dann wirst du wie auf grünen Au'n

durchs Pilgerleben geh'n,

dann kannst du sonder Furcht und Grau'n

dem Tod ins Auge seh'n.


Dann wird die Sichel und der Pflug

in deiner Hand so leicht;

dann singest du beim Wasserkrug,

als wär' dir Wein gereicht.

Dem Bösewicht wird alles schwer,

er tue, was er tu;

der Teufel treibt ihn hin und her

und lässt ihm keine Ruh'.


Der schöne Frühling lacht ihm nicht,

ihm lacht kein Ährenfeld;

er ist auf Lug und Trug erpicht

und wünscht sich nichts als Geld.

Der Wind im Hain, das Laub am Baum

saust ihm Entsetzen zu;

er findet nach des Lebens Traum

im Grabe keine Ruh'.


Dann muss er in der Geisterstund'

aus seinem Grabe geh'n

und oft als schwarzer Kettenhund

vor seiner Haustür steh'n.

Die Spinnerinnen, die, das Rad

im Arm, nach Hause geh'n,

erzittern wie ein Espenblatt,

wenn sie ihn liegen seh'n.


Und jede Spinnestube spricht

von diesem Abenteu'r.

Und wünscht den toten Bösewicht

ins tiefste Höllenfeu'r.

Der alte Kunz war bis ans Grab

ein rechter Höllenbrand;

er pflügte seinem Nachbar ab

und stahl ihm vieles Land.


Nun pflügt er als ein Feuermann

auf seines Nachbars Flur

und misst das Feld hinab hinan

mit einer glüh'nden Schnur.

Er brennet wie ein Schober Stroh

dem güldnen Pfluge nach

und pflügt und brennet lichterloh

bis an den hellen Tag.


Der Amtmann, der im Weine floss,

der Bauern schlug halb krumm,

trabt nun auf einem glüh'nden Ross

in jenem Wald herum.

Der Pfarrer, der aufs Tanzen schalt

und Filz und Wuchrer war,

steht nun als schwarze Spukgestalt

am nächtlichen Altar.


Üb immer Treu und Redlichkeit

bis an dein kühles Grab,

und weiche keinen Finger breit

von Gottes Wegen ab!

Dann suchen Enkel deine Gruft

und weinen Tränen drauf,

und Sommerblumen, voll von Duft,

blüh'n aus den Tränen auf.



(c) Ludwig Christoph Heinrich Hölty (1748-1776)


Sonntag, 5. Oktober 2025

Wer du warst und wer du bist


 

Beim Graben einer Grube sah

ein Totenkopf den andern liegen

und rief: "Wer bist du, der so nah

sich darf zu meiner Gruft verfügen?"


"Ich war", sprach er, "ein Ruderknecht,

aß schwarzes Brot, trank aus den Flüssen,

schlief auf der Erde, lebte schlecht,

an Schuh und Kleidern abgerissen,

bis der gewünschte Tod mich fand,

den ich oft inniglich begehret,

der hat mich aus dem Joch gespannt

und mir die Freiheit nun gewähret."


"Gemeiner Kerl! Hinweg von mir!",

schrie ihm der andre Kopf entgegen,

"Nichtswürdiger! Was willst du hier?

Dein Zuspruch ist mir ungelegen.

Entweich' und lass mich stracks in Ruh',

ich bin ein andrer Mann als du.

Ich bin mit Königen verwandt

und nicht aus Pöbelblut entsprossen.

Ich trage Stern und Ordensband,

ich fahr' in prächtigen Karossen,

ich streue Tonnen Geldes aus,

im Keller hab' ich Fässer Wein

aus Ungarn, Welschland und vom Rhein,

auf meiner Tafel sechzehn Essen."


"Ich bin --- ich hab' ---- ach, armer Mann,

ich war, ich hatte, musst du sagen!",

hub hier der Sklavenschädel an.

"Du hast ja nichts mit hergetragen.

Ich seh nicht Stern, nicht Ordensband

für deinen königlichen Stand,

ich seh nicht deine Fässer Wein

aus Ungarn, Welschland und vom Rhein,

ich seh nicht deine Tonnen Geld,

noch deine prächtigen Karossen;

was du besessen und genossen,

blieb alles auf der Oberwelt.

Dort oben war ein Unterschied;

hier sind wir gleicher Herrlichkeit,

hier gleicht dein Schädel jedem Schädel.

Schön sieht wie hässlich, arm wie reich,

dumm sieht wie klug aus, schlecht wie edel,

der Tod macht Hack' und Zepter gleich."



(deutsches Volkslied, Verfasser unbekannt)

3fach


 


Dreifach ist der Schritt der Zeit:

Zögernd kommt die Zukunft hergezogen.

Pfeilschnell ist das Jetzt verflogen.

Ewig still ist die Vergangenheit.



(c) Friedrich Schiller (1759-1805) (aus "Spruch des Konfuzius")