Mittwoch, 5. Oktober 2022

Was kann tröstender sein ...



Was kann, wenn man nahe dran ist, diese Welt zu verlassen, tröstender sein, als zu sehen, dass man nicht umsonst gelebt habe, weil man einige, wenngleich nur wenige, zu guten Menschen gebildet hat?



© Immanuel Kant (1724-1804)

Du löst dich auf ...


 

Du gehst ein in die vertraute und verwandte Materie; du löst dich auf in die Grundstoffe des Seins. Was in dir Feuer war, geht wieder ein in das Feuer. Was Erde war, wird wieder zu Erde. Was Luft war, vereinigt sich wieder mit der Luft. Was Wasser war, geht zurück in das Wasser.



© Epiktet (ca. 50-138 n. Chr.)

Montag, 3. Oktober 2022

Vanitas, vanitatum vanitas. (Eitelkeit, Eitelkeit der Eitelkeiten)

 

Die Herrlichkeit der Erden

muß Rauch und Asche werden,

nicht Fels, nicht Erz bestehn.

Das, was uns kann ergötzen,

was wir für ewig schätzen,

wird als ein leichter Traum vergehn.


Der Ruhm, nach dem wir trachten,

den wir unsterblich achten,

ist nur ein falscher Wahn.

Sobald der Geist gewichen

und dieser Mund erblichen,

fragt keiner, was wir hier getan.


Es hilft nicht Kunst noch Wissen,

wir werden hingerissen

ohn einen Unterscheid.

Was nützt der Schlösser Menge?

Dem hier die Welt zu enge,

dem wird ein enges Grab zu weit.


Dies alles wird zerrinnen,

was Müh und Fleiß gewinnen

und saurer Schweiß erwirbt;

was Menschen hier besitzen,

kann für den Tod nichts nützen:

dies alles stirbt uns, wenn man stirbt.


Wie eine Rose blühet,

wann man die Sonne siehet

begrüßen diese Welt,

die, eh der Tag sich neiget,

eh sich der Abend zeiget,

verwelkt und unversehns zerfällt:


so wachsen wir auf Erden

und hoffen groß zu werden,

von Schmerz und Sorgen frei;

doch eh wir zugenommen

und recht zur Blüte kommen,

bricht uns des Todes Sturm entzwei.


Wir rechnen Jahr auf Jahre;

indessen wird die Bahre

uns vor die Tür gebracht.

Drauf müssen wir von hinnen

und, eh wir uns besinnen,

der Erde sagen gute Nacht.


Auf, Herz, wach und bedenke,

daß dieser Zeit Geschenke

den Augenblick nur dein;

was du zuvor genossen,

ist wie ein Strom verflossen;

was künftig, wessen wird es sein?


Verlache Welt und Ehre,

Furcht, Hoffen, Gunst und Lehre

und nimm den Herren an,

der immer König bleibet,

den keine Zeit vertreibet,

der einzig selig machen kann.


Wohl dem, der auf ihn trauet!

Er hat recht fest gebauet,

und ob er hier gleich fällt,

wird er doch dort bestehen

und nimmermehr vergehen,

weil ihn der Starke selbst erhält.



© Andreas Gryphius (1616-1664)

Die Welt sei, wie sie will ...


 

Das Beste, das ein Mensch in dieser Welt erlebet,

ist, daß er endlich stirbt, und daß man ihn begräbet.

Die Welt sei, wie sie will; sie hab' auch, was sie will,

wär Sterben nicht dabei, so gilte sie nicht viel.


© Friedrich von Logau (1605-1655)

Grabschrift Med. Doct. Herrn Pauli Flemingi (1609-1640)

 


Grabschrift von ihm selbst auf seinem Totenbette gemacht, drei Tage vor seinem seligen Absterben:


Ich war an  Kunst und Gut und Stande groß und reich,

des Glückes lieber Sohn. Von Eltern guter Ehren,

frei, meine, kunte mich aus meinen Mitteln nehren.

Mein Schall floh überweit. Kein Landsmann sang mir gleich.


Von Reisen hochgepreist, für keiner Mühe bleich,

jung, wachsam, unbesorgt. Man wird mich nennen hören,

bis daß die letzte Glut dies alles wird verstören.

Dies, deutsche Klarien, dies ganze dank ich euch.


Verzeiht mir, ich bin's wert, Gott, Vater, Liebste, Freunde!

Ich sag euch gute Nacht und trete willig ab.

Sonst alles ist getan, bis an das schwarze Grab.


Was frei dem Tode steht, das tu er seinem Feinde.

Was bin ich viel besorgt, den Odem aufzugeben?

An mir ist minder nichts, das lebet, als mein Leben.



© Med. Doct. Pauli Flemingi (1609-1640)

Nachruf auf Pfr. Hiob Lepner (1575-1635)

 


O  wie selig seid ihr doch, ihr Frommen,

die ihr durch den Tod zu Gott gekommen!

Ihr seid entgangen

aller Not, die uns noch hält gefangen.


Muß man hier doch wie im Kerker leben,

da nur Sorge, Furcht und Schrecken schweben;

was wir hier kennen

ist nur Müh und Herzeleid zu nennen.


Ihr hergegen ruht in eurer Kammer,

sicher und befreit von allem Jammer,

kein Kreuz und Leiden

ist euch hinderlich in euren Freuden.


Christus wischet ab euch alle Tränen,

habt das schon, wonach wir uns erst sehnen,

euch wird gesungen,

was durch keines Ohr allhier gedrungen.


Ach, wer wollte dann nicht gerne sterben

und den Himmel vor der Welt erwerben?

Wer wollt hier bleiben,

sich den Jammer länger lassen treiben?


Komm, o  Christe, komm uns auszuspannen,

lös' uns auf und führ' uns bald von dannen!

Bei dir,  o  Sonne,

ist der frommen Seelen Freud und Wonne.



© Simon Dach (1605-1659)