Dienstag, 27. September 2022

An eine Witwe


 

Sie reden dir vom Witwenschleier -----

Mich aber dünkts ein Strahlenkranz;

sie sagen: das sind Tränenspuren -----

Mich aber dünkt es Perlenglanz.


Sie sagen, Trauerkleidung trägst du -----

Mich dünkt, du trägst ein Lichtgewand,

gewebt aus lauter Segensfäden

von deines guten Engels Hand.


Sie sprechen: Ach, er liegt im Grabe -----

Ich aber weiß: Es ist nicht wahr!

Dein Liebster lebt, befreit von Schlacken,

von irdschen Fesseln immerdar!


Er lebt! Und mit ihm lebt die Liebe,

die dich und ihn so fest vereint.

Er lebt! Euch beiden Gottes Sonne,

ja, Gottes Gnadensonne scheint.


Sie sagen: Witwenstand ist Elend,

ist Gram und Angst und Dunkelheit -----

Mich aber dünkt: ein heilger Stand ists

geheimnisvoller Herrlichkeit.


Denn eine rechte Witwe sendet

des Herzens Herze schon voraus,

und schon zur Hälfte lebt sie droben

im großen, güldnen Vaterhaus.


© Bertha Josephson-Mercator (1861-1906)

Sonntag, 25. September 2022

Liebesgedenken


 

Ich fühle ein leises Klingen und Singen

in meiner Seele als dächtest du mein,

als wolltest du tausend Grüße mir bringen

und trotz der Entfernung vereint mit mir sein.


Ich fühle ein leises Erschauern und Beben,

ein wonniges Fluten in seliger Lust,

ein inniges, zartes Gedankenverweben

und bin mir der treuesten Liebe bewußt.


Und wenn auch das Schicksal mit starken Gewalten

uns zwingt in ein schmerzliches, bitteres Joch,

so wird unsre Liebe doch niemals erkalten,

was heiß uns durchglühet, das bleibet uns doch.


© Elsbeth Ebertin (1880-1944)


Unerschüttert


 

Wenn etwas gewaltiger ist als das Schicksal,

so ist es der Mut, der es unerschüttert trägt ...


© Emanuel Geibel (1815-1884)



Das Bergmannskind



Mit schwachen Armen, bleichen Wangen,

ein Kindlein steht vorm Bergmannshaus.

Da tritt, das Herz voll heißem Bangen,

sein Mütterlein zu ihm hinaus.

Die Locken streichelt sie dem Kinde,

das fröhlich spielt im Abendschein.

"Ach, Mütterl horch, die Glocken läuten,

jetzt kehrt der Vater wieder heim."


Jedoch des Schicksals schnelles Walten

manch Lebensglück im Nu zerbricht.

Es klingt die Glock' vom Turm, dem alten,

jedoch den Bergmann bringt sie nicht.

Nun fragt das Kind mit bangem Herzen:

"Was ist denn los, lieb Mütterlein,

die Glocken sind schon längst verklungen.

Kommt denn der Vater noch nicht heim?"


Es ist vorbei! Ein Bergmannsleben

kehrt nun nach kurzer Fahrt zur Ruh'.

Der Freunde Trauerklagen geben

dem Sterbenden Geleit dazu.

Da klingt 's auf einmal bitter weinend,

verklungen kaum des Priesters Reim:

"Ach, Mütterl horch, die Glocken läuten, 

jetzt kehrt der Vater nimmer heim ..."


© Verfasser unbekannt, Fassung um 1850

Hab das Wandern satt

 


Wenn im Purpurschein

blinkt der wilde Wein,

und am Bach die Weide steht bereift;

wenn die Zeitlos' blüht,

wenn die Drossel zieht

und ihr Scheidelied vom Schlehdorn pfeift;


wenn in Wald und Feld

laut der Bracke bellt,

und das schlanke Reh verbluten muss;

wenn die Haselmaus

in ihr Winterhaus

schleppt die allerletzte Buchennuss,


dann Adé, ihr Felder,

Berge, Föhrenwälder,

Pfarrer, Förster, Schultheiss, Müller, Bäck! 

Hab das Wandern satt,

ziehe nach der Stadt,

wo der Roland steht am Rathauseck.


Blondes Gretelein,

lass das Trauern sein!

Mit den Schwalben komm' ich wieder her.

Sollt' ich sterben eh'r,

weine nicht so sehr,

weil es schad' um deine Äuglein wär' ....


© Ruldolf Baumbach (1840-1905)

Ich glaube an ewiges Leben


 

Ich glaube an ewiges Leben,

wir sagen es tausend

unsterbliche Stunden,

wir sagen es tausend

Lichtgedanken,

die ungerufen

aus fernen Welten

ewiger Schönheit,

ewiger Wahrheit

herüber wehten

in meine ringende,

suchende, kämpfende Erdenseele.


Jede Welle

der wogenden Klänge

im Reiche der Töne,

jedes Gebilde

schaffender Hände,

jede Blume und jeder Windhauch,

vom leise flüsternden

Zephyrlüftchen

bis zu des Sturmes

Donnergebrause

schließt sich mit meiner

Seele zusammen

in einen jauchzenden,

Berge versetzenden,

Himmel stürmenden

Siegesruf: 

"Ich glaube an ewiges Leben!"


© Therese Köstlin (1877-1964)