Samstag, 24. September 2022

O, wenn wir stets bedächten ...


 "Was du tust, so bedenke das Ende, so wirst du nimmermehr Übles tun." (Sirach, 7, 40)


O! Wie viel Torheit und Eitelkeit würde wegbleiben, wenn wir stets recht bedächten, daß wir noch diesen Tag sterben können. Ach, Herr, lehre du mich selbst mein Ende recht bedenken, und laß mich nichts begehren, reden, tun oder unterlassen, was mich am Ende gereuen könnte: denn ich will gerne recht zubereitet und vollendet werden. Ich weiß nicht, wie lange ich noch Zeit habe, daß mich der Tod nicht übereile; ich bin noch nicht so recht himmlisch gesinnt, wie ich gerne will. O mache mich selbst so, wie du mich haben willst, und halte mich in dir stündlich bereit.

Ach! denke nicht: Es hat nicht Not, ich will mich schon bekehren,
wenn mir die Krankheit zeigt den Tod; Gott wird mich wohl erhören.
Wer weiß, ob du zur Krankheit kommst? Ob du nicht schnell ein Ende nimmst?

Wer hilft alsdann dir Amen?
Zum Tode mache dich geschickt, gedenk' in allen Dingen:
würd' ich hierüber hingerückt, sollt' es mir auch gelingen?
Wie könnt' ich jetzt zu Grabe gehen? Wie könnt' ich jetzt vor Gott bestehen?

So wird dein Tod zum Leben.


© Carl Heinrich von Bogatzky (1690-1774)

Freitag, 23. September 2022

Bald endet alles ...

 


Mein Herz, was schlägst du gleich so bange,

wenn dir der Vater Trübsal schickt?

Sei still, mein Herz, es währt nicht lange,

bald endet alles, was dich drückt.


Noch will in dir die Welt sich regen,

die manches junge Herz betört:

die mußt du in ein Grabtuch legen,

gesegnen all, was ihr gehört.


Bald lockt sie dich mit ihren Freuden,

bald droht sie Leid und Kummer dir;

sie will von deinem Gott dich scheiden

und stellt dir ihren Götzen für.


Du darfst dich nicht mit ihr vereinen;

laß ihre volle Rose stehn

und siehe, wie die Lilien scheinen,

und höre, wie die Palmen wehn. 


O sei, mein Herz, o sei zufrieden

mit allem, was der Herr dir gibt,

und denke, wie die Welt geschieden;

Gott prüfet dich, weil er dich liebt.


Ja, Vater, ich will still ergeben

mit meiner Bürde weitergehn,

die Hände fromm zu dir erheben

und nicht auf diese Erde sehn!


© Luise Hensel (1798-1876)

Wegweiser im dunklen Raum

 


Der Vater mit dem Sohn ist übers Feld gegangen;

sie können, nachtverirrt, die Heimat nicht erlangen.

Nach jedem Felsen blickt der Sohn, nach jedem Baum,

Wegweiser ihm zu sein im weglos dunklen Raum.

Der Vater aber blickt indessen nach den Sternen,

als ob der Erde Weg er wollt' am Himmel lernen.

Die Felsen blieben stumm, die Bäume sagten nichts;

die Sterne deuteten mit einem Streifen Lichts,

zur Heimat deuten sie: wohldem, der traut den Sternen!

Den Weg der Erde kann man nur am Himmel lernen.


© Friedrich Rückert (1788-1866)

lieben und leiden

 



Christus im Herzen und das Kreuz auf dem Rücken heißt es bei allen wahren Christen.


© Martin Boos (1762-1825)

Im leisen Schlaf


 

Nun bedenke, ob wir nicht arme, elende Leute sind, daß wir uns so heftig das lassen bekümmern, wo irgendeinem sein Gemahl, sein Kind, Bruder, Schwester oder sonst ein guter, vertrauter Freund dahin fällt? Wenn es viel ist, so hätte er noch zehn oder zwanzig Jahre bei dir mögen leben. Solche kleine Zeit läßt du dich so bekümmern und willst dich dagegen das nicht trösten lassen noch freuen, daß du anstatt so einer kurzen Zeit in Ewigkeit bei ihm wohnen und bleiben sollst in aller Freud und Wonne, da dagegen hier auf Erden nichts kann sein denn Unmut und Leid, wie wir täglich, sonderlich im Haushalten unter den verwandtesten und liebsten Freunden erfahren, da jetzt das, jetzt jenes mangelt, jetzt das krank wird, ein anderes einen Schaden sonst empfängt. Solches sind die Verstorbenen alles überhoben und liegen in ihrem Gräblein als in einem sanften Bett und leisen Schlaf, warten, wenn unser Herr Christus kommen, an das Bett klopfen und sie hervorrufen werde, daß sie mit allen Gottseligen, mit Gott und seinen lieben Engeln in Ewigkeit leben sollen. Wer will doch um solche Leute trauern, darüber wir Freude haben und Gott von Herzen dafür danken sollten, daß sie so nahe zu ihrer Hoffnung gekommen sind, dazu wir, die noch auf Erden übrig bleiben, so weit haben und so viel Gefahr müssen ausstehen, ehe wir dazu kommen.

Du verlierst dein liebes Kind, deinen lieben Gemahl oder sonst einen guten Freund; weine nicht, bekümmere dich nicht und laß dich nicht dünken, du habest ihn verloren. Denn gewiß ist es, er soll dir, sofern du auch ein Christ bist und bleibst, wieder werden. Unser lieber Herr Christus selbst will ihn am jüngsten Tag mit sich führen und euch also wieder zusammen helfen, daß ihr fortan ungeschieden und in Ewigkeit beieinander bleiben sollt. Das ist eine rechte Hoffnung und ein gewisser Trost.


© Martin Luther (1483-1546)

Donnerstag, 22. September 2022

Diese selige Hoffnung ...


O Herr Jesus Christus, wie wohl wird mir einst auf dem Sterbebett um das Herz sein, wenn ich Dich im Herzen habe, wenn Du bei mir bist und mich tröstest! Wer will mich dann beunruhigen, verdammen? Meine Sünden? Die hast Du mir vergeben, hast mich gerechtfertigt, abgewaschen, gereinigt und geheiligt durch Dein teures, kostbares Blut. Sollte mich Satan anfechten und schrecken können? Nein. Du hast ihn überwunden, ihm die Macht genommen; er kann nichts gegen mich, denn Du bist für mich, ja Du bist für mich gestorben und auferstanden und sitzt für mich zur Rechten Gottes, bittest für mich und vertrittst mich  (Römer 8). Nichts wird mich daher im Tod von Deiner Liebe scheiden können. Nun, liebster Jesus, laß mich nur Dir leben, Dir sterben! Laß mich Dir jetzt recht treu anhangen und nimmer von Dir weichen! Gib mir die Gnade, daß ich täglich sterbe, allem absterbe, was Du nicht bist, mein Herz von allem losreiße, was nicht mit mir geht im Tod! --- Erwecke in mir die brünstige Begierde nach Deinem himmlischen, ewigen Reich, daß mein Wandel schon jetzt im Himmel sei, wo ich bereits als Bürger und Hausgenosse angeschrieben bin. Diese selige Hoffnung, einst bei Dir zu sein, erfülle mich mit beständigem Eifer, hier Gutes zu tun, ohne müde zu werden, damit ich dort einst ohne Aufhören ernten kann. Dabei laß mir, liebster Heiland, die Zuversicht zu Dir, das Vertrauen auf Dein heiliges Verdienst, auf Deine Barmherzigkeit und Liebe nie entfallen, sondern laß mich standhaft hoffen und vertrauen auf Dein Leiden und Sterben, auf Deine kostbaren, unendlichen Verdienste, der Du für mich gestorben bist und nun für mich lebst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.


© Johannes Goßner (1773-1858)