Dienstag, 6. September 2022

Wohin?



Wenn zwei Freunde sich begegnen, so fragt oft einer den andern: Wohin? Liest du diese Zeilen, so begegnen wir uns; ich grüße dich als Freund und frage auch. Wohin? Ich frage nicht für mich, denn ich weiß, wohin du gehst; ich habe ja dasselbe Ziel, nur weiß ich nicht, wer von uns näher dran ist. Das aber weiß ich, dass wir beide zum Kirchhofe gehen, oder wenn wir dort kein Plätzchen finden sollen, weil uns ein ungewöhnliches Ende beschieden ist, so gehen wir doch sicherlich zum Tode. Unser ganzer Lebensweg mag ungewiss sein in allen seinen Läufen und Wendungen, eins ist gewiss: dass er im Tode endet, und das andere ist ebenso gewiss: dass wir dem Tode mit jeder Stunde näher kommen.

Was ist das doch für eine seltsame Reise, die wir machen! 

Wir mögen uns winden und wenden, rechts und links, vorwärts und rückwärts, wir kommen an diesem Ziele nicht vorbei. Es gibt gar keinen Abweg, der vom Tode wegführt, gar keinen Schleichweg, der herumführt -- nicht einmal einen Umweg gibt es: alle Wege führen schnurgerade zum Tode hin. Wir können auch nicht stehen bleiben. Wenn du auch fest entschlossen bist, keinen Schritt weiterzugehen, die Zeit misst dir unerbittlich deine Schritte zu und schenkt dir keinen einzigen. Sie gönnt dir keinen Bruchteil einer Sekunde zum Stillstehen auf der Lebensbahn, unaufhaltsam geht es vorwärts, unaufhaltsam --- unaufhaltsam --- eher steht die Sonne still am Himmel und der Mond in seinem Laufe, als dass dein Fuß ruhen könnte auf dem Wege zum Tode.

Wie weit noch die Stätte, der Weg wie lang? ---

Auf diese Frage bekommst du keine Antwort. Spähe, soviel du willst, schärfe deine Augen, so sehr du kannst, du siehst das Ende deines Weges nicht, und wenn es dir vor den Füßen läge. Wie seltsam ist doch unsere Reise!

Seltsam ist es auch, dass die Menschen, die doch alle auf dieser Wanderschaft sich befinden, so wenig an das Ende denken. Sie blicken auf das, was vor ihnen liegt, was der nächste Schritt bringt; das ist gut, denn --

was ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.

So lehrt Goethe. Aber wirst du der Forderung des Tages nicht vollkommener und leichter gerecht werden, wenn du zuweilen an das Ende denkst?

Seltsam ist es weiter, dass fast alle Menschen sich den Tod möglichst fern vorstellen, wenn sie einmal an ihn denken. Und doch hat keiner Grund dazu, auch der Jüngste nicht, auch der Gesündeste und Stärkste nicht. "Junge Leute  k ö n n e n  bald sterben, alte Leute müssen bald sterben", sagt das Sprichwort. Aber die alte Torheit stirbt nicht aus, die da spricht: "Nun iss und trink, meine Seele, und lass dir wohl sein!" Sie hört die Antwort nicht: "Du Tor! In dieser Nacht wird man deine Seele von dir fordern." Es gibt Dinge, die wir gar nicht lernen wollen.

Und die uns doch so heilsam wären!

Der liebe Meister Raabe gibt uns die schöne Lehre, in der Goethes Wort von der Forderung des Tages ergänzt wird: "Blicke auf die Gassen, achte auf die Sterne!" Das ist hohe Lebensweisheit. Schau vor dich und über dich -- rechne mit der Wirklichkeit und bewahre die Ideale -- greife tätig zu im Leben, aber vergiss darüber die Ewigkeit nicht. Dies Wort weist auf den Tod und über den Tod hinaus; er ist es ja, der unserer Seele die Flügel lösen soll

zum Flug ins Reich der Sterne.


© Augustin Wibbelt (1862-1947)

Mittwoch, 31. August 2022

Die Linien des Lebens ...


 


Die Linien des Lebens sind verschieden,

wie Wege sind und wie der Berge Grenzen.

Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen

mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.


© Friedrich Hölderlin (1770-1843)

Dienstag, 30. August 2022

Ich weine euch nach ...

 



Meine Seele nur erfüllet

tiefer namenloser Schmerz,

und der Liebe Trostwort stillet

nicht mehr mein tief bewegtes Herz.


Einsam hier zurück geblieben,

wein' ich den Verlor'nen nach.

Euch, Ihr Teuren, werd' ich lieben,

bis verstummt mein letztes Ach ...


Bis mich dort auf besserm Sterne

meiner Kinder Blick begrüßt.

Keine Trennung nah und ferne,

nur der Wonne Zähre fließt.


Bis mit zartem Engelflügel

sie geschmückt mein Auge sieht,

Blicke sich in Blicke spiegeln,

flüsternd tönt der Harfe Lied.


Wann erscheinst du, heil'ge Stunde?

Bleib, ach bleib nicht gar zu fern!

Zu der Tugend schönem Bunde

glänzet dann der Liebe Stern.



© Dieses lyrische Werk entstammte der Feder eines anonymen Verfassers, der über den Tod seiner Kinder klagte, welche am 3. Januar und am 10. Februar 1835 ins Himmelreich eingingen. Das handschriftliche Original befindet sich in meinem wohlbehüteten, persönlichen Besitz.

Höhere Räume


 

Die Blumen sehnen sich nach Tau

und die Saaten nach Regen;

mit Sehnsucht drängt die Erdenau

sich dem Himmel entgegen.

Die Sehnsucht nach dem Himmelslicht

treibt in die Höh' die Bäume;

dem Christen genügt die Erde nicht,

sein Herz sucht höhere Räume.


© Friedrich Rückert (1788-1866)


Auf dieser schönen Brücke


 

Lass nur die Wetter wogen!

Wohl übers dunkle Land

zieht einen Regenbogen

barmherzig Gottes Hand.

Auf dieser schönen Brücke,

wenn alles wüst und bleich,

gehn über Not und Glücke

wir in das Himmelreich.


© Joseph von Eichendorff (1788-1857)



Montag, 29. August 2022

Der Feind


 

Einen kenne ich,

wir lieben ihn nicht.

Einen nenne ich,

der die Schwerter zerbricht.

Weh! Sein Haupt steht in der Mitternacht,

sein Fuß in dem Staub,

vor ihm weht das Laub

zur dunklen Erde hernieder.

Ohne Erbarmen

in den Armen

trägt er die kindlich taumelnde Welt;

Tod, so heißt er,

und die Geister

beben vor ihm, dem schrecklichen Held.


© Clemens Brentano (1778-1842)