Donnerstag, 7. Juni 2018

Das letzte Stündlein


In einer seltnen Kirche war ich heut',
da sah ich bebend Gottes Herrlichkeit.

Von einer Andachtsstunde komm' ich her.
Mein Leben lang vergeß' ich sie nicht mehr.

Die Kirche war kein hoher Säulendom,
durchwogt vom farbenreichen Menschenstrom.

Zur Andacht rief kein voller Glockenklang,
nicht Orgelton erscholl, noch Chorgesang.

Die Kirche war kein schmucklos Kämmerlein.
Durch trübe Scheiben fiel der Abendschein.

Als betende Gemeinde standen wir
geschart im Kreis zu dreien oder vier.

Ein schlechtgezimmert Bettgestelle war
im engen Kirchlein Kanzel und Altar.

Ein sterbend Mütterlein war Priesterin,
die feierte ihr letztes Stündlein drin.

Seit siebzig Jahren trug sie ihre Last.
Nun kam der Tag der längst ersehnten Rast.

Durch manches Weltgedränge schlug sie sich;
den letzten Kampf nun stritt sie ritterlich.

Sie sprach: "Mein Gott, im Frieden fahr' ich hin,
Christ ist mein Leben, Sterben mein Gewinn."

Dann lag sie da in seligmatter Ruh
und nickte leis noch unsrem Beten zu.

Wir lauschten still dem schweren Atemzug,
dem seltnen Pulse, der schon stockend schlug.

Jetzt kam des Todes ernste Majestät;
wir schauderten, von seinem Hauch umweht.

Sein Schatten traf entstellend ihr Gesicht.
Ihr Mund ward fremd und groß der Augen Licht.

Ein Seufzer noch, ein letzter Herzensstoß.
Nun war 's vollbracht, der bange Geist war los.

Durchs offne Fenster säuselte gelind
gleich Engelsfittichen ein Abendwind.

Ins Stüblein floß der Sonne letzter Glanz.
Da ward ihr Anblick wieder Friede ganz.

Wie Wachs die Stirn, das volle Haar ergraut,
doch lag sie schön wie eine Himmelsbraut.

Ihr Herz gebrochen, ihre Kraft dahin;
doch lag sie stolz wie eine Siegerin.

Wir standen da, vom Preise Gottes voll,
und sprachen leis: Wer so stirbt, der stirbt wohl.

Dann deckten wir ihr Haupt mit Linnen zu
und wünschten ihr die ew'ge Himmelsruh.

Ins Gäßlein stieg ich nieder, heimzugehen.
Da trieb 's die Welt, als wäre nichts geschehen.

Der Nachbar spaltete sein Restlein Holz.
Der Sperling lärmt' im Glanz des Abendgolds.

Die Kinder warfen lustig ihren Ball.
Von ferne rasselte der Räder Schall.

Hier unten ging der laute Strom der Zeit.
Und oben floß die stille Ewigkeit.


(c) Karl von Gerok, 1815-1890

Sonntag, 27. Mai 2018

Bedenkt das Ende



Bedenke, Mensch, die Schattenseiten,
auf die das Leben dich beizeiten
mitunter auch mit aller Härte,
mit Prügelstab und Peitschengerte
und ohne Warnung treibt und zwängt.
Wohl dem, der auch den Tod bedenkt.

Wo Oberflächlichkeiten walten,
kann keine Tiefe sich entfalten.
Das Leben lässt sich erst verstehen,
wenn wir auch auf sein Ende sehen.
Es macht der Blick zur Endlichkeit
das Leben uns zur Blütezeit.

Derweil wir unsre Wünsche küssen,
verharren wir im Ungewissen,
welch Spanne wir bekommen haben,
am Einmaligen uns zu laben
bis zu der uns gesetzten Frist,
die ohne Zweifel sicher ist.

"Mir ist Unsterblichkeit beschieden.",
hört man Verblendete hienieden
mit prahlerischem Stolz verkünden.
Doch, wenn sie sich in Schmerzen winden,
und schon der Tod vor Augen schwebt,
war keine Stunde tief gelebt.

Der Sterblichkeit die Hand zu reichen,
den Tatsachen nicht auszuweichen,
zu wissen, dass wir hier auf Erden
nur kurz und einmal wandern werden,
erst, wenn man sieht und auch versteht,
dass alles Leben auch vergeht,

dann werden wir einander lieben,
statt uns einander zu betrüben.
Wir werden den Moment genießen.
Den anderen die Zeit versüßen.
Viel Gutes tun und dann erfreut
beenden unsre reiche Zeit.



(c) Bettina Lichtner

Samstag, 26. Mai 2018

Der Tod ist kein Tod


Der Tod ist kein Tod, wenn er an uns nichts zerstört als das, was uns vom Leben der Vollkommenheit ausschließt.

Der Tod ist kein Tod, wenn er uns in einem Augenblick aus der Finsternis ins das Licht versetzt, aus der Schwachheit in die Kraft, aus der Sündhaftigkeit in die Heiligkeit.

Der Tod ist kein Tod, wenn er uns näher zu Christo bringt, der die Quelle alles Lebens ist, wenn er unseren Glauben in Schauen umwandelt, und wir  D E N  sehen dürfen, an den wir glauben.

Der Tod ist kein Tod, wenn er uns denen wiedergibt, die wir geliebt und verloren haben, für die wir gelebt, für die ferner zu leben unser Sehnen ist.

Der Tod ist kein Tod, wenn er das Kind mit der Mutter vereint, die ihm vorangegangen.

Der Tod ist kein Tod, wenn er von der Mutter für immer alle Mutterängste und -sorgen nimmt, und lässt sie in dem Gnadenantlitz ihres Heilands die Bürgschaft finden, dass, die sie zurücklassen musste, sicher geborgen sind, geborgen mit Christo vor allen Zufälligkeiten und Gefahren dieses vergänglichen Lebens.

Der Tod ist kein Tod, wenn er uns befreit von Zweifel und Furcht, Zufall und Wechsel, Raum und Zeit und allem, was Raum und Zeit hervorbringen und zerstören.

Ja, der Tod ist kein Tod; denn Christus hat dem Tode die Macht genommen für sich selbst und für die, welche Ihm vertrauen.


(c) Charles Kingsley, 1819-1875


Freitag, 25. Mai 2018

Saat und Ernte


Nur das, was ihr im Geist gesät,
wird gute Früchte tragen,
wenn eure Asche längst verweht,
noch tiefe Wurzeln schlagen.

Und könnt ihr selbst auch nimmermehr
die Lotusblüten pflücken,
wird sich in ew'ger Wiederkehr
die Nachwelt danach bücken.


(c) Elsbeth Ebertin, 1880-1944

Donnerstag, 24. Mai 2018

Es ist ein Beben




Der Friedhof lebt an allen Enden.
Ein Narr, der nicht das Leben sieht,
das da mit übervollen Händen
von Gräbern uns entgegen blüht.

Nicht sind 's nur einfache Gewächse.

Nicht ist 's die mannigfache Zier.
Es ist das Ganze, das Komplexe.
Ein Paradies mit offner Tür.

Dort schwirren tausendfach Insekten,

dort singen Vögel laut heraus.
Dort, wo die Tränen bitter schmeckten,
flicht süß das Leben seinen Strauß.

Es tanzen Falter um die Wette,

es bricht die Sonne ihre Bahn.
Hier an des Menschen letzte Stätte
hat sich das Leben aufgetan.

Es kriecht und fleucht in steter Weise.

Wer wollt' sich fürchten vor dem Tod?
Im Wipfel singt die kleine Meise
das Lied vom schönen Abendrot.

Und wie ich wandre durch die Reihen,

da ist mir gar so wundersam,
gleich wie ein inneres Befreien
von einem festgezurrten Gram.

Der Friedhof lebt. Es ist ein Beben

gleich hinterm tristen Schleiersaum.
Dort küssen Abschied sich und Leben
und unterscheiden sich ja kaum.


(c) Bettina Lichtner

wachsam & achtsam



Hänge nicht der Vergangenheit nach.
Setze nicht auf die Zukunft.
Die Vergangenheit ist vorbei.
Die Zukunft steht noch aus.
Die Gelassenheit und Freiheit
gründet in der Gegenwart,
die man mehr und mehr begreift.

Wir müssen heute wachsam sein.
Morgen kann es schon zu spät sein.
Der Tod kommt unangemeldet
und lässt nicht mit sich handeln.
Tag und Nacht
achtsam zu sein, das heißt
für den Weisen
"allein und richtig zu leben".


(nach dem Bhaddekaratta Sutta)