Das Unglück ist der Prüfstein der Gemüter.
© William Shakespeare (1564-1616)
Es ist ein alter Spruch: Das beste Leichentuch
ist Redlichkeit, sie würzt den Tod mit Wohlgeruch.
Es ist ein alter Spruch: Wenn sie mit dir nun schreiten
zu Grabe, werden sie verschieden dich begleiten.
Dein einer Freund, dein Gut, bleibt hinter dir im Haus;
dein andrer Freund, dein Ruhm, fliegt in die Welt hinaus.
Dein dritter Freund, dein Freund, begleitet dich ans Grab
und kehret um, sobald er warf die Scholl' hinab.
Die Liebe schickt vielleicht dir ein paar Tränen nach,
doch auf der großen Reis' ist dies Geleite schwach.
Ein gut Gewissen nur wird bei der Hand dich fassen,
nur d e r Geleitsmann wird dich nimmermehr verlassen.
Und was du Gutes hast vorausgesandt mit Beten,
tritt dir entgegen dort und wird dich dort vertreten.
© Friedrich Rückert (1788-1866)
Sie reden dir vom Witwenschleier -----
Mich aber dünkts ein Strahlenkranz;
sie sagen: das sind Tränenspuren -----
Mich aber dünkt es Perlenglanz.
Sie sagen, Trauerkleidung trägst du -----
Mich dünkt, du trägst ein Lichtgewand,
gewebt aus lauter Segensfäden
von deines guten Engels Hand.
Sie sprechen: Ach, er liegt im Grabe -----
Ich aber weiß: Es ist nicht wahr!
Dein Liebster lebt, befreit von Schlacken,
von irdschen Fesseln immerdar!
Er lebt! Und mit ihm lebt die Liebe,
die dich und ihn so fest vereint.
Er lebt! Euch beiden Gottes Sonne,
ja, Gottes Gnadensonne scheint.
Sie sagen: Witwenstand ist Elend,
ist Gram und Angst und Dunkelheit -----
Mich aber dünkt: ein heilger Stand ists
geheimnisvoller Herrlichkeit.
Denn eine rechte Witwe sendet
des Herzens Herze schon voraus,
und schon zur Hälfte lebt sie droben
im großen, güldnen Vaterhaus.
© Bertha Josephson-Mercator (1861-1906)
Ich fühle ein leises Klingen und Singen
in meiner Seele als dächtest du mein,
als wolltest du tausend Grüße mir bringen
und trotz der Entfernung vereint mit mir sein.
Ich fühle ein leises Erschauern und Beben,
ein wonniges Fluten in seliger Lust,
ein inniges, zartes Gedankenverweben
und bin mir der treuesten Liebe bewußt.
Und wenn auch das Schicksal mit starken Gewalten
uns zwingt in ein schmerzliches, bitteres Joch,
so wird unsre Liebe doch niemals erkalten,
was heiß uns durchglühet, das bleibet uns doch.
© Elsbeth Ebertin (1880-1944)
Wenn etwas gewaltiger ist als das Schicksal,
so ist es der Mut, der es unerschüttert trägt ...
© Emanuel Geibel (1815-1884)
Mit schwachen Armen, bleichen Wangen,
ein Kindlein steht vorm Bergmannshaus.
Da tritt, das Herz voll heißem Bangen,
sein Mütterlein zu ihm hinaus.
Die Locken streichelt sie dem Kinde,
das fröhlich spielt im Abendschein.
"Ach, Mütterl horch, die Glocken läuten,
jetzt kehrt der Vater wieder heim."
Jedoch des Schicksals schnelles Walten
manch Lebensglück im Nu zerbricht.
Es klingt die Glock' vom Turm, dem alten,
jedoch den Bergmann bringt sie nicht.
Nun fragt das Kind mit bangem Herzen:
"Was ist denn los, lieb Mütterlein,
die Glocken sind schon längst verklungen.
Kommt denn der Vater noch nicht heim?"
Es ist vorbei! Ein Bergmannsleben
kehrt nun nach kurzer Fahrt zur Ruh'.
Der Freunde Trauerklagen geben
dem Sterbenden Geleit dazu.
Da klingt 's auf einmal bitter weinend,
verklungen kaum des Priesters Reim:
"Ach, Mütterl horch, die Glocken läuten,
jetzt kehrt der Vater nimmer heim ..."
© Verfasser unbekannt, Fassung um 1850