Montag, 19. September 2022

Der Hingang ein Heimgang

 


Trachtet nach dem, das droben ist, nicht nach dem, das auf Erden ist. (Kolosser 3, 2)


Wer solche Sterbekunst gelernt hat, zu arbeiten und zu wachen, als ob er seine Seligkeit erwerben müßte, zu glauben aber, daß sie ihm aus Gnaden geschenkt wird, der reinigt sich und hält seine Fenster offen gen Jerusalem, daß Ewigkeitslust durch sie ins Herz einziehe und der Strahl des ewigen Lichtes seinen Pfad erleuchte. Er wird in der Heiligung immer ernster, in dem Selbstgericht immer enger, immer mehr abgewandt dem Vergänglichen, immer mehr zugewandt dem, was ewig bleibt. ---- Schwer bleibt auch für den Christen der Gedanke an den Tod, schwerer noch die Bereitung auf den Tod, am schwierigsten die Todesstunde selbst. Aber in der Gewißheit, daß die Lösung aller Ängste des Lebens in der Erlösung ruht, traut er seinem Herrn, daß sein Hingang ein Heimgang wird, und ist gleich dem Wanderer, der die "Herberge nicht ungern verläßt".


© Hermann Bezzel (1861-1917)


Sonntag, 18. September 2022

Auferstehung

 


Wenn einer starb, den du geliebt hienieden,

so trag' hinaus zur Einsamkeit dein Wehe,

daß ernst und still es sich mit dir ergehe

im Wald, am Meer, auf Steigen, längst gemieden.


Da fühlst du bald, daß jeder, der geschieden,

lebendig dir im Herzen auferstehe,

in Luft und Schatten spürst du seine Nähe,

und aus den Tränen blüht ein tiefer Frieden.


Ja,   s c h ö n e r   muß der Tote dich begleiten,

ums Haupt der Schmerzverklärung lichten Schein,

und   t r e u e r   ----  denn du hast ihn alle Zeiten.


Das Herz hat auch sein Ostern, weg der Stein

vom Grabe springt, dem wir den Staub nur weihten;

und was du ewig liebst, ist ewig dein.


© Emanuel Geibel (1815-1884)

Samstag, 17. September 2022

Du warst mir alles

 



Du warst mein Augenstern, mein Augenblick,

mein Hier und Jetzt, mein ganzes Glück.

Mein Lebenssinn, mein Ruhepol,

mein Brandungsfels, mein Seelenwohl.


Warst Wärme mir in kalter Zeit,

ein Mensch, mit einem Herz so weit.

Dein Arm war mir ein starker Halt,

wenn mir die Welt zur Schreckgestalt.


Schien ich verloren, warst du nah.

Und als ich keinen Weg mehr sah,

und nicht mehr wusste, wo ich bin,

gingst du mit mir durch dick und dünn.


In Finsternis warst du mein Licht,

warst Kompass mir bei schlechter Sicht.

Du warst der Tag in meiner Nacht,

und hast aus Ängsten Mut entfacht.


Was du für mich gewesen bist

und nun im Reich der Sterne ist,

verwahre ich mit großem Weh,

bis ich dich droben wiederseh' .....



© Bettina Lichtner

Donnerstag, 8. September 2022

Die Rasenbank am Elterngrab


 

Ich kenn' ein einsam Plätzchen auf der Welt,

liegt ruhig still verborgen,

dort flieh' ich hin, wenn mich der Kummer quält,

dort klag' ich meine Sorgen.

Es liegt nicht weit, nicht weit von hier.

Der liebste Platz, den ich auf Erden hab,

das ist die Rasenbank am Elterngrab.


Da zieht 's mit Zaubermacht mich immer hin,

wenn Menschen mit mir streiten.

Dort merk ich nicht, daß ich verlassen bin,

dort klag' ich meine Leiden.

Da reden mir die Toten zu,

die Eltern mein in ew'ger Ruh.

Der liebste Platz, den ich auf Erden hab, 

das ist die Rasenbank am Elterngrab.


Und wenn ich einstens lebensmüde bin,

muß dieser Welt entsagen,

dann, guter Gott, gewähr' die Bitte mir,

laß mich zum Friedhof tragen.

Drückt mir der Tod die Augen zu,

dann legt mich dort zur ew'gen Ruh,

an jenen Platz, wo ich mein Liebstes hab,

dort bei der Rasenbank am Elterngrab.



© Verfasser unbekannt, um 1900 (alte Volksweise) 

Dienstag, 6. September 2022

Wohin?



Wenn zwei Freunde sich begegnen, so fragt oft einer den andern: Wohin? Liest du diese Zeilen, so begegnen wir uns; ich grüße dich als Freund und frage auch. Wohin? Ich frage nicht für mich, denn ich weiß, wohin du gehst; ich habe ja dasselbe Ziel, nur weiß ich nicht, wer von uns näher dran ist. Das aber weiß ich, dass wir beide zum Kirchhofe gehen, oder wenn wir dort kein Plätzchen finden sollen, weil uns ein ungewöhnliches Ende beschieden ist, so gehen wir doch sicherlich zum Tode. Unser ganzer Lebensweg mag ungewiss sein in allen seinen Läufen und Wendungen, eins ist gewiss: dass er im Tode endet, und das andere ist ebenso gewiss: dass wir dem Tode mit jeder Stunde näher kommen.

Was ist das doch für eine seltsame Reise, die wir machen! 

Wir mögen uns winden und wenden, rechts und links, vorwärts und rückwärts, wir kommen an diesem Ziele nicht vorbei. Es gibt gar keinen Abweg, der vom Tode wegführt, gar keinen Schleichweg, der herumführt -- nicht einmal einen Umweg gibt es: alle Wege führen schnurgerade zum Tode hin. Wir können auch nicht stehen bleiben. Wenn du auch fest entschlossen bist, keinen Schritt weiterzugehen, die Zeit misst dir unerbittlich deine Schritte zu und schenkt dir keinen einzigen. Sie gönnt dir keinen Bruchteil einer Sekunde zum Stillstehen auf der Lebensbahn, unaufhaltsam geht es vorwärts, unaufhaltsam --- unaufhaltsam --- eher steht die Sonne still am Himmel und der Mond in seinem Laufe, als dass dein Fuß ruhen könnte auf dem Wege zum Tode.

Wie weit noch die Stätte, der Weg wie lang? ---

Auf diese Frage bekommst du keine Antwort. Spähe, soviel du willst, schärfe deine Augen, so sehr du kannst, du siehst das Ende deines Weges nicht, und wenn es dir vor den Füßen läge. Wie seltsam ist doch unsere Reise!

Seltsam ist es auch, dass die Menschen, die doch alle auf dieser Wanderschaft sich befinden, so wenig an das Ende denken. Sie blicken auf das, was vor ihnen liegt, was der nächste Schritt bringt; das ist gut, denn --

was ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.

So lehrt Goethe. Aber wirst du der Forderung des Tages nicht vollkommener und leichter gerecht werden, wenn du zuweilen an das Ende denkst?

Seltsam ist es weiter, dass fast alle Menschen sich den Tod möglichst fern vorstellen, wenn sie einmal an ihn denken. Und doch hat keiner Grund dazu, auch der Jüngste nicht, auch der Gesündeste und Stärkste nicht. "Junge Leute  k ö n n e n  bald sterben, alte Leute müssen bald sterben", sagt das Sprichwort. Aber die alte Torheit stirbt nicht aus, die da spricht: "Nun iss und trink, meine Seele, und lass dir wohl sein!" Sie hört die Antwort nicht: "Du Tor! In dieser Nacht wird man deine Seele von dir fordern." Es gibt Dinge, die wir gar nicht lernen wollen.

Und die uns doch so heilsam wären!

Der liebe Meister Raabe gibt uns die schöne Lehre, in der Goethes Wort von der Forderung des Tages ergänzt wird: "Blicke auf die Gassen, achte auf die Sterne!" Das ist hohe Lebensweisheit. Schau vor dich und über dich -- rechne mit der Wirklichkeit und bewahre die Ideale -- greife tätig zu im Leben, aber vergiss darüber die Ewigkeit nicht. Dies Wort weist auf den Tod und über den Tod hinaus; er ist es ja, der unserer Seele die Flügel lösen soll

zum Flug ins Reich der Sterne.


© Augustin Wibbelt (1862-1947)

Mittwoch, 31. August 2022

Die Linien des Lebens ...


 


Die Linien des Lebens sind verschieden,

wie Wege sind und wie der Berge Grenzen.

Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen

mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.


© Friedrich Hölderlin (1770-1843)