Freitag, 6. Mai 2022

Ein Wandern ...

 


Ein Tag, der sagt 's dem andern,

mein Leben sei ein Wandern

zur großen Ewigkeit.

O Ewigkeit, du schöne,

mein Herz an dich gewöhne,

mein Heim ist nicht von dieser Zeit.



© Gerhard Tersteegen (1697-1769)


Donnerstag, 5. Mai 2022

alles wogt und schwindet

 


Sahst du ein Glück vorübergehen,

das nie sich wiederfindet,

ist 's gut, in einen Strom zu sehen,

wo alles wogt und schwindet.


O, starre nur hinein, hinein!

Du wirst es leichter missen,

was dir, und sollt 's dein Liebstes sein,

vom Herzen ward gerissen.


Blick' unverwandt hinab zum Fluss,

bis deine Tränen fallen.

Und sieh durch ihren warmen Guss

die Flut hinunterwallen.


Hinträumend wird Vergessenheit

des Herzens Wunde schließen.

Die Seele sieht mit ihrem Leid

sich selbst vorüberfließen.


© Nikolaus Lenau (1802-1850)

Samstag, 30. April 2022

Das Vergissmeinnicht


Als unser Herrgott einst Blumen schuf,

stand jede da auf Seinen Ruf,

und alle in bestem Gewande kamen

und fragten, sich neigend, nach ihrem Namen.

Der Herr benannte die tausend Gestalten

und bat, die Namen wohl zu behalten.

Da kam so plötzlich ein Blümchen zurück,

und sagte mit einer Träne im Blick:

"Ich habe in dem großen Verein

vergessen, Herr, den Namen mein."

Der Herr, sich freundlich neigend, spricht:

 

Vergissmeinnicht.


Das Blümchen dachte der Rede nach,

zog sich zurück an den stillen Bach.

Sein blaues Auge, sein gelber Stern

beglücket jeden von nah und fern.

Wenn gute Menschen vorübergehen,

und dieses freundliche Blümchen sehen,

wenn stille Liebe es sinnend bricht,

aus ihm noch die liebliche Stimme spricht:


Vergissmeinnicht.




© aus "Almanach des k.k. Nationaltheaters Innsbruck für das Jahr 1858, 

gewidmet von Johann Jakob Saller (Bibliothekar, Sekretär und Souffleur des o.g. Theaters)

Dienstag, 26. April 2022

Land des Frühlings


 

Denn das Herz in meiner Brust

ist dem Kranich gleich geartet,

und mir ist das Land bewusst,

wo mein Frühling mich erwartet.


© Nikolaus Lenau (1802-1850)

Weine nicht ...

 


Weine nicht, wenn aus dem stillen Vaterhaus

ein Freund in jene Welt zieht aus.

Du rufst als letzten Gruß beim Geh'n:

O Freund, o Freund, auf Wiederseh'n!


Weine nicht, wenn sanft ein liebes Auge bricht,

das Auge war die Seele nicht.

Wenn wir am Totenbette steh'n,

so sagen wir: Auf Wiederseh'n!


© Georg Reinbeck (1766-1849)

Sonntag, 24. April 2022

Noch eine kurze Zeit ...


 

Noch eine kurze Zeit, dann ist 's gewonnen,

dann ist der ganze Streit in nichts zerronnen,

dann will ich laben mich an Lebensbächen

und ewig, ewiglich mit Jesus sprechen.


© Sören Kierkegaard (1813-1855)