Freitag, 10. Februar 2023

Land !

 



Der Himmel hängt voll Wolken schwer, 

ich seh das blaue Zelt kaum mehr.

Doch über Wolken - hell und klar -

nehm' ich ein freundlich' Auge wahr.


Es tobt der Sturm mit wilder Macht.

Sie wird so dunkel oft, die Nacht;

doch wenn auch meine Seele bebt,

sie weiß, dass dort ihr Heiland lebt.


Sie zöge gar zu gern hinaus

ins große, weite Vaterhaus,

doch hält in Gottes Kraft sie still,

bis er, bis er sie lösen will.


Die Erd' ist mir ein morsches Boot,

das unter mir zu sinken droht.

Ich steh nach oben hingewandt,

mit einem Fuß auf seinem Rand.


Gebeutst du, Herr, mit einem Blick,

so schleudr' ich's hinter mir zurück,

und schwinge mich an deiner Hand

hinauf, hinauf und jauchze: Land !


Ich ginge gern, so gern zu dir!

Doch wenn du mich noch länger hier

in Sturm und dunklen Nächten lässt,

so halt' du meine Seele fest:


Dass sie, in Sturm und Nächten treu,

zu deiner Ehre wacker sei,

bis du mir rufst: "Nun ist's mir recht,

nun kannst du kommen, frommer Knecht."



© Heinrich Möwer (1793-1834)

Demütige Annahme

 



Wenn das Leben eine Freude ist, so darf uns auch der Tod nicht mißfallen, da er aus der Hand desselben Meisters kommt.



© Michelangelo (1475-1564)

Ein flücht'ger Gruß

 



Du kamst und gingst mit leiser Spur,

ein flücht'ger Gruß im Erdenland.

Woher? Wohin? Wir wissen nur:

Aus Gottes Hand, in Gottes Hand.



© Johann Ludwig Uhland (1787-1862)

Donnerstag, 9. Februar 2023

Schrittweise


 

Klein ist, mein Kind, dein erster Schritt,

klein wird dein letzter sein.

Den ersten gehn Vater und Mutter mit,

den letzten gehst du allein.


Sei's um ein Jahr, dann gehst du, Kind,

viel Schritte unbewacht.

Wer weiß, was das dann für Schritte sind

im Licht und in der Nacht?


Geh kühnen Schritt, tu tapfren Tritt.

Groß ist die Welt und dein.

Wir werden, mein Kind, nach dem letzten Schritt

wieder beisammen sein.



© Albrecht Goes (1908-2000)

Samstag, 21. Januar 2023

Betrachtungen vom Tode


1. Erwäge, wie ungewiß der Tag deines Todes sei. O meine Seele, es kommt der Tag, da du aus diesem Leibe ausziehen mußt. Wann wird dieses geschehen, im Sommer oder im Winter? Wenn du in der Stadt oder auf dem Lande bist? Am Tage oder bei Nacht? Wird der Tod dich plötzlich überfallen oder seine Anzeige vorhersenden? Wird er die Folge einer Krankheit oder eines Zufalles sein? Wirst du noch beichten können oder nicht? Wird dein Gewissensrat und geistlicher Vater an deiner Seite stehen oder nicht? Ach, von all diesem wissen wir gar nichts. Nur dieses steht fest: daß wir sterben müssen, und früher, als wir es meinen.

2. Erwäge, daß dann das Ende der Welt, wenigstens für dich, gekommen ist; denn für dich ist sie nicht mehr, und vor deinen Augen wird sie in Trümmer gehen. Ja, und die Vergnügungen, die Eitelkeiten, die weltlichen Freuden, die eitlen Neigungen werden uns dann wie Luft- und Nebelgebilde vorkommen! O Elend ... Und um dieser Nichtswürdigkeiten, um dieser Trugbilder willen habe ich meinen Gott beleidigt. Dann wirst du es erkennen, daß wir Gott um eines Nichts willen verlassen haben. Aber wie werden uns im Gegenteil dann auch die Frömmigkeit, die guten Werke als so wünschenswerte und liebliche Güter erscheinen! O warum bin ich nicht diesem schönen und lieblichen Pfade gefolgt ... In jenem Augenblicke werden die Sünden, die uns nur gering däuchten, zur Bergesgröße anwachsen, deine Frömmigkeit aber wird ins Kleine zusammenschrumpfen.

3. Bedenke den großen und traurigen Abschied, den deine Seele von dieser Welt nehmen wird; sie wird Abschied nehmen von den Reichtümern, von den Eitelkeiten, von den nichtigen Gesellschaften, von den Weltfreuden, vom Zeitvertreib, von Freunden und Nachbarn, von den Eltern, von Gatte und Gattin, kurz von jedem Geschöpfe; und endlich auch von ihrem Körper, den sie erblasst, mißgestaltet und verzerrt, hässlich und im Modergeruch auf Erden zurücklassen wird. 

4. Betrachte die Eilfertigkeit, mit welcher man diesen Leib sodann aufhebt und ihn in den Schoß der Erde birgt; und ist dieses vorbei, dann denkt man nicht mehr an dich, und man wird deiner so wenig gedenken, als du anderer Verstorbener gedachtest. Der Herr schenk ihm die ewige Ruhe, ruft man noch nach, und hiermit ist es aus. O Tod, wie greifst du so rücksichtslos, so gewaltsam ein!

5. Erwäge, daß die Seele, wenn sie den Leib verläßt, den Weg zur Rechten oder zur Linken einschlägt. Ach, welchen Weg wird deine Seele einschlagen? Welchen Pfad wird sie nehmen? Keinen andern, als den sie schon in dieser Welt zu wandeln begonnen hatte.


© Franz von Sales (1567-1622)

Montag, 19. Dezember 2022

Weiter Raum für alle Seelen

 



Emil und Alexis befanden sich in der Nacht allein auf dem Verdeck des Schiffes. Die Luft war labend, des Himmels Sterne funkelten klarer, als ich solches jemals in der Heimat geschaut hatte; Stille herrschte um uns. Sie sprachen dies und das, endlich kamen sie auf den Glauben und die Unsterblichkeit zu sprechen.

Da sagte Emil: "Mit schwerem Herzen gestehe ich Ihnen, daß mein Glaube an die Unsterblichkeit der Seele oftmals schon gewankt hat. Viele Tausende von Jahren besteht schon das Menschengeschlecht, und an jedem Tage sterben Hunderttausende von Menschen. Welche unermeßliche Zahl von Menschen hat schon auf Erden gelebt, welche unermeßliche Zahl wird noch entstehen, leben und sterben! ---- Wo ist, habe ich mich schon oft gefragt, der Raum, der alle diese Menschenseelen bergen soll?"

"Wie viele Sorgen und Mühen", versetzte Alexis, "machen sich doch Menschen, sobald sie es unterlassen, mit kindlichem Sinn auf Gottes Wort zu achten! Lassen Sie uns einmal das genau anschauen, was ihren Zweifel erregte! Sie meinen also, es sei für die unermeßlich große Zahl der Seelen nicht Raum im Weltall. Lassen Sie uns denn einen Blick hinauf tun in die Sternenwelt, in den 'Ozean der Welten', wie ein großer Dichter sagt. 

Denken Sie zunächst an unsere Sonne. Wäre es möglich, daß jemand zur Sonne reisen könnte, so würde er, selbst wenn er täglich einen Weg von tausend Meilen zurückzulegen vermöchte, doch fünfzig und einige Jahre gebrauchen.

Denselben Weg --- gegen 21 Millionen Meilen --- legt der Sonnenstrahl in ---- acht Minuten zurück.

Was sagen Sie nun zu der Entfernung der nächsten Sonne, von der das Licht 9 1/4 Jahre gebraucht, um auf die Erde zu gelangen? Von der darauf folgenden Sonne braucht es 21 Jahre, vom Polarstern 43 Jahre.

Die Entfernung, die der Lichtstrahl in einem Jahre zurücklegt, nennen Astronomen ein Lichtjahr. Die fernsten Lichtnebel bestehen aus Sternen. Sie sollen nach ungefährer Berechnung 80 Millionen Lichtjahre von uns entfernt sein.

Verschwänden diese --- für unsere Beobachtung --- entferntesten Sterne in diesem Augenblicke, so würde dies auf Erden erst in 80 Millionen Jahren wahrgenommen werden können!

Lassen Sie uns weiter gehen, um in uns von der Unermeßlichkeit des Raumes eine Ahnung zu erwecken. Wenden wir unsern Blick nach der Milchstraße. Es ist von Astronomen als unzweifelhaft festgestellt worden, daß sie aus mehreren Ringen von Millionen Sternen besteht. Mit Hilfe der besten Fernrohre hat man etwa 18 Millionen Sonnen herausgebracht. Da es nun noch gegen zwei Millionen vereinzelt stehende Sonnen gibt, so würde sich die Zahl der durch unsere Instrumente erkennbaren Sonnen auf etwa 20 Millionen belaufen. Ermessen Sie nun das Heer von Sternen, da jede Sonne von einer großen Zahl von Sternen umgeben ist.

Endlich erwägen Sie noch dies: Wir haben nicht nur  e i n e  Milchstraße, es sind deren jetzt schon 4023 bekannt. ---

Ist es Ihnen nun noch möglich, im Hinblick auf den unermeßlichen Weltraum und auf das unzählbare Heer der Sterne zu fragen: wo ist der  R a u m  für die von unserer Erde scheidenden Menschenseelen?"


© Ferdinand Schmidt (1816-1890)