Montag, 31. Oktober 2022

Ihr seid, um die man trauern soll ...


 

Adé, verfluchtes Tränental !

Du Schauplatz herber Schmerzen !

Du Unglückshaus, du Jammersaal,

du Folter reiner Herzen !

Adé ! Mein Kerker bricht entzwei;

die Kette reißt, mein Geist wird frei,

die Schlösser sind zersprungen.


Willkommen, oft gewünschter Tod,

wo du ein Tod zu nennen.

Willkommen, süßer Liebesbot' !

Wer kann die Freud' erkennen,

in die uns Gott durch dich einführt,

den Schmuck, mit welchem Jesus ziert,

die standhaft hier gerungen !


Die Erden schau ich unter mir !

Ist 's dies, worum wir kämpfen

mit Schwert und Flammen? Welche wir

mit Blut und Leichen dämpfen?

Die Handvoll Graus, dies Häuflein Sand,

um welches Eitelkeit und Tand

und Fluch und Laster ringen?


Hilf Gott, was laß ich? Nichts als Weh,

als Zeter, Ach und Klagen,

als einen bittren Tränensee

und Höllen grause Plagen !

Heißt ihr dies Leben, die ihr lebt

und zwischen Furcht und Leiden schwebt,

die Angst und Grimm verzehret ?


Dort fällt ein Reich, das andre kracht,

und dies wird nicht gefunden.

Dort schluckt die Erd' ein ihre Pracht,

die da in Rauch verschwunden.

Was nicht der strenge Nord auslöscht,

was nicht die stolze Well' abwäscht,

wird durch sich selbst verkehret.


Und mag noch jemand sein, der mich

mit Zähren ruft zurücke,

denkt Liebste, wo ihr und wo ich !

Mißgönnt man mir mein Glücke ?

Ich lach', ihr weint; ich sieg', ihr kriegt;

ich herrsch', ihr dient; ich steh', ihr liegt;

ich leb', ihr müßt verschmachten.


Ihr seid, um die man trauern soll;

ich, den die Lust erquicket.

Ihr zagt, und mir ist ewig wohl.

Gott hat mich heimgeschicket,

der euch bald rufen wird zu mir.

Indessen lernt die falsche Zier

der eitlen Welt verachten.


Adé, ihr Liebsten! Ich muß fort,

laßt ab von euren Tränen.

Denkt, daß ich aussteig in den Port,

nach dem sich alle sehnen.

Dort war der Kampf, hier ist der Lohn;

dort war der Kerker, hier der Thron;

dort Wünschen, hier Erlangen.


Das reiche Schloß der Ewigkeit

geht auf. Ich bin ankommen.

Adé Welt, Hoffen, Schmerz und Streit !

Gott hat mich eingenommen.

Hier will ich ewig leben dir,

hier will mit Jauchzen für und für

ich dich, mein Gott, umfangen.



© Andreas Gryphius (1616-1664)

Sonntag, 30. Oktober 2022

Es geht ein Riss durch die Idylle


 


Und plötzlich steht der Atem stille,

die Stunde tut den letzten Schlag,

es geht ein Riss durch die Idylle,

die Nacht folgt auf den frohen Tag.


Dem Lachen lagen Tränen inne,

und Schatten barg sich in dem Licht.

Die Traurigkeit betäubt die Sinne,

ich sah im Licht den Schatten nicht.


Wie ist es doch so schön gewesen,

Sekunden noch vorm Todesstoß.

Die Zeit schwingt ihren rauen Besen

und legt des Lebens Täuschung bloß.


Noch warm sind deine toten Hände,

noch rosig ist dein Wangenschein.

So plötzlich ist das Glück zu Ende,

und wollte doch für immer sein ...



© Bettina Lichtner 

Samstag, 29. Oktober 2022

Großmudder

 


Ick reist' up Ferien; ick wir

'n Jung von dütteihn Johr.

De Wagen hüll, die Kutscher säd:

"Süh so! Nu sünd wi dor!"

Wi güng'n rin. ---- Un Mudder set, 

de Hän'n in ehren Schot,

sei kek mi an: "Ja, leiwe Jung,

Großmudder is nu dod."


Still güng ick ut de Dör herut.

Wo de oll Plumm'bom stünn,

dor heww ick an den'n Gäwel stahn, 

mi wir so swer tau Sinn. ---

Sei wir all vierundsoebentig Johr, 

ehr Hor wir gries und witt,

doch wenn dat Eiertrünneln kem

tau Ostern, güng sei mit.


Un Winterabends seten wi

in'n Schummern in de Stuw,

Großmudding mit de blage Schört

und mit ehr witte Huw.

Wi Kinner seten up de Hutsch,

den' Kopp in ehren Schot,

sei strakt uns liesen dörch dat Hor

un strakt uns sachten blot.


Geschichten wüßt sei tau vertell'n

as keiner in den' Urt! ----

Großmudder hadd'n gaudes Hart,

sei hadd'n gaudes Wurt. ----

Wi seten vör dat Abenlock

an't warme, helle Für;

un nahsten halt Großmudding uns

Bratappels ut dat Rühr.


Ick läd den'n Kopp an'n Plummenbom

un rohrt ut Hartengrund;

dat't wir so düster üm mi her,

dat't keiner weiten kunnt. ----

Ick hadd üm Großmudder nich rohrt

dor in de frömde Stadt,

as ick   n a h  H u s   kem, wüßt ick irst,

wat ick verluren hadd.



© Walther Zander (veröffentlicht 1926)

Am Krankenbett


 

Um dein friedliches Krankenlager

schwirren Schatten aus dunklem Land.

Noch halt ich in bangen Nächten

deine fieberheiße Hand.


Und höre dich müde flüstern 

vom Glück, das uns schmeichelnd umwellt,

das noch mit verklärendem Schimmer

deine letzten Träume erhellt.


Bald läuten die Kirchenglocken

der Heimat dich zur Ruh.

Mein Herz sucht Gottes Frieden,

ist erdenmüde --- wie du.



© Maria Wollwerth (veröffentlicht 1926)

Freitag, 28. Oktober 2022

Er schläft in fremder Erde ...


 

Er schläft in fremder Erde,

und wo, du weißt es nicht,

und doch trägt dich ein Wunder,

daß nicht das Herz dir bricht!


Du kannst in stiller Liebe

sein Grab nicht schmücken gehn ---

und kannst in deinen Nöten

als eine Heldin stehn?


Was ist es, treue Fraue,

daß du so tapfer bist?

Es sagen 's deine Augen ---

"Weil Liebe himmlisch ist!"



© Reinhold Braun (1879-1959)

Mittwoch, 26. Oktober 2022

Gelöste Bande

 



Nun aber ist der Tod die große Gelegenheit, nicht mehr Ich zu sein: Wohl dem, der sie benutzt. Während des Lebens ist der Wille des Menschen ohne Freiheit .... Daher löst der Tod jene Bande: der Wille wird wieder frei.


© Arthur Schopenhauer (1788-1860)